• Au Pair Geschichten
Veröffentlicht am March 12, 2019

Gemeinsam stark

Kulturellen Normen trotzen und sich weiterentwickeln

Von Ania Szypryt

Es war im Mai 2017. Ich war gerade Au Pair in Colorado und eine meiner besten Freundinnen im Au Pair Programm machte sich bereit für ihren Heimflug. Sie half ihren Gasteltern bei der Suche nach einem neuen Au Pair. Eines Tages kam sie zu mir und meinte: „Hey, meine Gasteltern sprachen mit einem polnischen Au Pair namens Ola und wir würden es super finden, wenn auch du mit ihr sprechen könntest.“ Ich willigte natürlich ein.

 

Wir telefonierten und ich hatte sofort ein gutes Gefühl bei ihr. Als Au Pair kennt man das: Freunde zu finden ist ein bisschen wie Speed-Dating, entweder man findet sich sympathisch oder nicht. Aber Ola und ich haben uns sofort gut verstanden – wir waren beide in unserem zweiten Jahr und plauderten darüber, wie viel wir schon erlebt (und zugenommen!) hatten. Ihr erstes Jahr verbrachte Ola im Bundesstaat New York und ich überzeugte sie davon, für ihre zweites Jahr zu mir nach Colorado zu ziehen.

 

Wir fanden bald heraus, dass wir nicht nur im gleichen Alter waren, sondern auch beide unsere Kindheit am Land verbracht hatten. Für uns beide war es nicht einfach, zwei Jahre von zu Hause weg zu sein. Während unserer Zeit in den USA kam uns niemand besuchen und für mehr als ein Jahr sahen wir unsere Freunde und Familie nicht. Ola und ich entwickelten eine Freundschaft voller Unterstützung und Verständnis für den anderen.

 

Eines Tages beim Mittagessen unterhielten wir uns darüber, dass sich etwas ändern musste. Uns wurde klar, dass wir die Zeit nutzen sollten, um uns weiterzuentwickeln. Deshalb suchte ich nach College-Kursen, die mich gut auf mein Studium als Englisch-Lehrerin vorbereiteten und erzählte Ola, dass ich mehr Sport machen wollte – dagegen hatte ich mich ziemlich lang gewehrt, weil Sport nicht so mein Ding war. Aus der Komfortzone herauszutreten ist manchmal schwer, aber die Unterstützung von jemand anderem macht es gleich viel einfacher. Ola stimmte mir zu und wir meldeten uns im Fitnessstudio an. Allerdings dauerte es nicht lange und Ola ging viel öfter hin als ich.

Eines Tages in einem Café erzählte mir Ola, dass jemand im Fitnessstudio sie fragte, ob sie nicht an Bodybuilding-Wettbewerben teilnehmen möchte. Wir konnten nicht mehr vor lauter Lachen. Aber dann kam das Thema immer wieder auf und irgendwann fragte sie sich selbst: „Warum eigentlich nicht?“ Ich erinnere mich noch, wie ich zu ihr sagte: „Wenn es dich glücklich macht, unterstütze ich dich und bin für dich da, wenn du mich brauchst.“ Also ging sie zum Termin mit ihrem Coach und startete so richtig durch.

 

Von diesem Moment an waren wir ein echtes Dream-Team und bauten nicht nur Muskeln auf, sondern auch eine tiefe Freundschaft. Ungefähr zu dem Zeitpunkt wurde uns auch klar, wie unterschiedlich die USA und Polen waren. In Amerika war es normal, andere anzufeuern, sich nicht über harte Arbeit aufzuregen und andere einfach nur zu unterstützen und sich mit ihnen zu freuen. In Polen war uns das bisher noch nie so richtig aufgefallen.

 

Niemand in unserem Umfeld wollte so recht daran glauben, dass Ola erfolgreich sein könnte. Die Leute fragten sie, warum sie das denn machte und ob sie damit etwas beweisen wollte. Uns war klar, dass nicht jeder einen Sport wie Bodybuilding gutheißen würde, bei dem es darum geht, an seine Grenzen zu gehen – körperlich und geistig. Bodybuilding ist ein Sport für Menschen mit hoher mentaler Stärke – und am Ende fühlen sie sich auch körperlich stark.

 

Bis zu 45 Stunden pro Woche zu arbeiten, zum Training zu gehen und noch Freizeit zu haben schien einfach nicht machbar zu sein. Aber ich kann euch sagen, nichts ist unmöglich, wenn man sich seine Zeit gut einteilt.

 

Olas Alltag änderte sich schlagartig. Das zeigte sich vor allem bei den vielen schlechten Angewohnheiten, die sie zuvor hatte: Sie fuhr überall mit dem Auto hin und ass jede Menge Süssigkeiten und andere Snacks. An das Fitnessstudio hatte sie zu der Zeit nicht einmal ansatzweise gedacht.

 

Der Bodybuilding-Wettbewerb rückte mit grossen Schritten näher und Ola hatte nur 5 Monate Zeit, um in Form zu kommen. Es gab viele Fragen und Zweifel – aber keine Antworten. Wir wussten nicht, ob sie für den Wettbewerb schon fit genug war, oder auch wie ihr Körper auf die strenge Diät und die Nahrungsergänzungsmittel reagieren würde. Aber anstatt sich zu fragen oder gar darüber zu beschweren, fasste sie den Entschluss, es einfach zu versuchen. Und schon ging es los mit der Vorbereitung.

 

Es war bestimmt nicht leicht für sie, aber schon bald zeigten sich erste Ergebnisse. Ola erzählte nicht vielen Leuten davon, auch nicht ihrer Gastfamilie. Wir wussten, dass man sich in Polen über dieses Thema eher lustig machte – deshalb hätten wir nie im Leben mit so einer Reaktion gerechnet: Es stellte sich heraus, dass meine Gastfamilie sie mehr unterstützte als ihre eigene, und auch ihre Freunde und andere Gastfamilien waren begeistert davon. Aber wie wir es ja schon erwartet hatten, machten ihre Freunde und Familie in Polen Witze darüber und unterstützen sie nicht besonders. An diesem Punkt realisierten wir, wie verschieden unsere Kulturen waren und wie unterschiedlich die Menschen reagieren, wenn es um persönliche Herausforderungen und Ziele geht.

 

Die gesamte Vorbereitung dauerte fast sechs Monate, inklusive hartem Training, strenger Diät und schmerzhafter Kritik, die uns die Augen in Bezug auf Leben und Kultur öffnete. Es war so schön zu sehen, wie sie über neue Ziele und ihre Erfolge im Fitnessstudio sprach. Dieser ganze Prozess veränderte nicht nur ihr Äusseres, sondern auch ihre Persönlichkeit. Die Art, wie Ola über Training und Ernährung sprach, war so leidenschaftlich und emotional, dass auch ich bald mitmachte – und ihr müsst wissen, dass ich Laufen und alles was sonst noch mit Training zu tun hat einfach nur hasste. Ich stellte meine Ernährung um und ging ins Fitnessstudio mit ihr. Sie brachte mich dazu, ein paar ihrer speziellen Workouts mitzumachen und ich fand bald Gefallen daran. Mir machte es so Spass, dass ich sogar ein schlechtes Gewissen hatte, wenn ich einen unserer gemeinsamen Trainingstage sausen liess. Jetzt unterstützte ich Ola sogar noch mehr. Wir feuerten uns an und standen uns bei – jeden Tag!

Ola und Anna

Überraschenderweise ging der Wettbewerb gut los. Irgendwann allerdings war ich nervöser als sie, aber ich musste ruhig bleiben, um ihr gute Stimmung und positive Energie zu vermitteln – das brauchte sie, um mit all der Anstrengung und den Emotionen klarzukommen. Über WhatsApp hielt ich Olas Mutter, ihre Freunde und meine Gastfamilie am Laufenden. Es gab da so viele Leute, die sie anfeuerten und auf Neuigkeiten warteten; das machte uns beide sehr glücklich.

 

Während ich auf ihren Auftritt wartete, hatte ich die Gelegenheit, ihre Freunde aus dem Fitnessstudio kennenzulernen. Sie stellten mich ihrem Personal Trainer vor, der sofort wusste, wer ich war. Wir unterhielten uns eine Weile und er erzählte mir, wie stolz er auf Ola war; sie hatte so hart dafür gearbeitet. Er meinte auch, dass er mir sehr dankbar sei, weil ich von Anfang an für sie da war und sie unterstützte. Er sagte, dass Freundschaften wie unsere selten und unbezahlbar sind.

 

Nach über 14 Stunden bekamen wir die Ergebnisse. Sie ging mit drei Trophäen nach Hause – zweiter und dritter Platz in den wichtigsten Kategorien, und vierter Platz in einer weiteren. Ich war hin und weg, und so stolz. Wir weinten, tanzten und umarmten uns vor Freude. Ich beschloss, eine Überraschungsparty für sie zu organisieren und gemeinsam mit einer Freundin besorgte ich die passende Dekoration und Torte. Ich schaffte es, dass fast alle wichtigen Menschen in ihrem Leben da waren, um diesen Tag mit ihr zu feiern.

Feiern mit Freunden

Während dieser Zeit wurde mir eine ganze Menge klar, aber was mir am meisten in Erinnerung bleiben wird, ist, dass egal was man im Leben macht, egal was andere Menschen sagen, um dich runterzuziehen: Die Verbundenheit zweier Freundinnen stärkt und motiviert dich. Und solltest du jemals Zweifel haben, gibt es da jemanden, der dir durch diese schwere Zeit hilft und deinen Blickwinkel verändert. Ola und ich sammelten neue Erfahrungen, durch die wir die Unterschiede zwischen Polen und den USA erkannten – dort nämlich ist es enorm wichtig, andere zu unterstützen und ihre Leidenschaft zu respektieren. Wir sehen die Dinge nun anders, sind nicht mehr so voreingenommen und wir schätzen andere Menschen und wie hart sie für etwas arbeiten mittlerweile noch viel mehr.

 

Au Pair zu werden, war die beste Entscheidung unseres Lebens. Es hat uns beide geprägt und zu einer wunderschönen, einzigartigen Freundschaft geführt, die bestimmt noch viele Jahre lang halten wird.


Ich bin Ania, ehemaliges Au Pair im farbenfrohen Colorado. Ich studierte Italienische Kultur und Sprache. Jetzt bin ich Englisch- und Italienisch-Lehrerin, Bücherwurm und kaffeesüchtig. Ich kann mich fliessend in Filmzitaten und Sarkasmus unterhalten, liebe es zu reisen und für meine Freunde zu kochen. Ich werde Euch mit ein paar lustigen Fakten überraschen. Wenn ich nicht gerade lese, dann plane ich meine nächste Reise oder überlege mir, wie ich meine Träume verwirklichen kann.

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